
Ein Baum entfaltet sich aus dem Boden, der ihn nährt. In der Erde wachsen seine Wurzeln, über der Erde öffnet sich seine Krone dem Licht. Wasser, Luft und Wärme wirken zusammen. Würmer, Käfer und viele kleine Lebewesen lockern die Erde und halten sie lebendig. Ist der Boden zu nass oder zu trocken, fehlt den Wurzeln das Gleichgewicht, das sie zum Gedeihen brauchen. Verändern sich die Bedingungen, kann der Baum Kraft entwickeln, blühen und Früchte tragen.
Auch wir Menschen wachsen mit dem, was uns umgibt und nährt. Was uns vorgelebt wird, wie wir Nähe erfahren und miteinander umgehen, prägt unser Leben. Vieles übernehmen wir unbewusst und tragen es weiter. Im Alltag zeigt sich das in dem, was wir erwarten, wie wir reagieren und Beziehungen gestalten. Wenn sich eine Situation wiederholt, uns eine Reaktion beschäftigt oder wir in einer Beziehung immer wieder an denselben Punkt gelangen, beginnen wir vielleicht genauer hinzuschauen.
Hier beginnt Wurzelarbeit. Ausgangspunkt ist eine Situation, die Dich heute beschäftigt. Wir schauen auf Deine Gedanken, Worte, Gefühle, Gesten und körperlichen Reaktionen und gehen ihren Verbindungen zu früheren Erfahrungen nach. So kann verständlich werden, wie eine Reaktion entstanden ist, wofür sie einmal wichtig war und weshalb sie sich heute noch wiederholt.
Wenn wir diese Zusammenhänge erkennen, verliert die vertraute Reaktion etwas von ihrer Selbstverständlichkeit. Es entsteht Raum, innezuhalten, zu prüfen, was heute für Dich stimmt und eine andere Antwort auszuprobieren. Das braucht Zeit, Hingabe und Geduld.
In der Grafik stehen Tugend und Untugend für unterschiedliche Wirkungsrichtungen menschlicher Kräfte. Sie beschreiben ihre Wirkung und bewerten keinen Menschen. Wut kann verletzen oder uns helfen, klar für etwas einzustehen. Angst kann uns einengen oder auf etwas aufmerksam machen. Mut kann uns tragen und in seiner Übersteigerung zu Leichtsinn werden. Beide Pole gehören zum MenschSein. Entscheidend ist, wahrzunehmen, welche Kraft gerade wirkt, was sie in uns auslöst und wie wir mit ihr umgehen.
Je vertrauter wir mit diesen Kräften werden, desto bewusster können wir sie führen. Die Mitte mit Liebe, Licht und Frieden ist für mich dabei ein lebendiger Bezugspunkt. Aus ihr heraus können wir fühlen, was in uns geschieht und dennoch selbst bestimmen, wie wir handeln. Darin entsteht innere Freiheit.
Mit der Zeit kann diese Arbeit Früchte tragen. Mitgefühl, Freude, Hingabe und Harmonie reifen wie Früchte an einem Baum. Aus dem Verstehen unserer eigenen Wurzeln wächst auch das Verständnis für andere Menschen. So können wir einander auf Augenhöhe begegnen und das Leben miteinander gestalten.



